Dienstag, 26. Oktober 2021

Buchempfehlung zur Zeitumstellung: „Das Buch der Nacht“ von Bernd Brunner

 

Bild: Verlag Galiani Berlin

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Ein Buch für alle Nachtfreunde, Nachtschwärmer und Nachtgestalten.

Streifzug durch die wundersamen Stunden der Dunkelheit zwischen Dämmerung und Morgengrauen

„Was gibt es nicht alles zu sehen, wenn aller Augen geschlossen sind!“, staunte der französische Nachtpionier Nicolas Rétif de la Bretonne, der bei seinen Spaziergängen das weitgehend menschenleere nächtliche Paris der Vorrevolutionszeit erkundete. Die Zeit der Dunkelheit bringt nicht nur ein ganz eigentümliches Eigenleben hervor, sie bringt auch die gewohnten Koordinaten unserer Wahrnehmung in Bewegung. Das Gehör wird Leitsinn, Gerüche werden stärker wahrgenommen, der Gesichtssinn verliert an Bedeutung. Das Gefühl für Zeit und Raum verändert sich, der Blick in die Unendlichkeit des Weltalls lässt die irdische Welt und ihre Bedeutung schrumpfen.

So bewundernswert und faszinierend die Nacht für die einen ist, so unheimlich und mysteriös ist sie für andere. In den Mythen und Geschichten unterschiedlichster Völker und Kulturen rund um die Erde tauchen Erscheinungen wie Irrlichter, Hexen, Vampire, Elfen und Kobolde auf. In Katalonien berichtete man von einem großen schwarzen Hund mit Stahltatzen, der ‚Pesanta’ genannt wurde und sich unangenehmerweise bei Nacht auf die Brust der schlafenden Menschen setzte – Atemprobleme und Albträume waren die Folge.

Früher gab die Natur einen festen Tag- und Nachtrhythmus vor, mit dem Einbruch der Dunkelheit zogen sich die Menschen in ihre Häuser zurück. Zeit- und ortsgebunden gab es in einigen Regionen sogar für Tag und Nacht unterschiedliche Gesetze. Nur Nachtwächter, verdächtige Gestalten und besondere Nachtliebhaber waren auf den Straßen unterwegs. Johann Wolfgang von Goethe etwa, der – in der Ilm badend – von einem verschreckten Bauern als weiße, auf und niedertauchende
Gestalt mit schwarzem langen Haar für eine Ilmnixe gehalten wurde.

Mit der Erfindung künstlicher Beleuchtung begann der Mensch, den Tag zur Nacht zu machen, sie ermöglichte es, immer mehr Aktivitäten in die Nacht zu verlagern. Beeindruckend muss z.B. die Aufführung der Oper „Der Pferdetanz“ 1661 bei den Medici in Florenz gewesen sein, bei der tausend Fackeln eine Arena illuminierten, in der die Pferde zur Musik der zweihundert Geigen tanzten. Paris trägt den Titel „ville lumière“, die Lichterstadt, weil dort schon seit 1667 die Straßen beleuchtet wurden – auch um die Macht des Sonnenkönigs zu unterstreichen. Heute müsste wohl Las Vegas diesen Titel tragen, da die sogenannten Skybeamer der Stadt bis zu 30 Kilometer Reichweite haben und so hell leuchten wie etwa 40 Milliarden Kerzen; sogar Piloten können sich aus großer Entfernung an ihnen orientieren.
„Töten wir das Mondlicht“ war der Schlachtruf der italienischen Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti im beginnenden 20. Jahrhundert, deren Bewegung mit dem Aufkommen von legendenumwobenen Nachtclubs, Tanzpalästen und dem Berliner Cabaret einherging. Diese Entwicklung städtischen Nachtlebens ermöglichte auch die Emanzipation bestimmter Gruppen, es entstanden Nachtclubs und mit ihnen Subkulturen. Etwa die „Harlem Renaissance“, eine künstlerische Bewegung in den 1920ern im gleichnamigen Stadtteil New Yorks, die für die breite Wahrnehmung schwarzer Musik enorm wichtig wurde. In Berlin versammelte sich zur gleichen Zeit ein queeres Publikum im Eldorado, das vom Mainstream der Gesellschaft ausgegrenzt wurde.

Echte Finsternis finden wir heutzutage paradoxerweise in künstlich geschaffenen Umgebungen, die den Tag zur Nacht machen: etwa in Nachttierhäusern oder Dunkelrestaurants, die sich großer Beliebtheit erfreuen. Oder an entlegenen Orten – in Deutschland etwa im Westhavelland, im kleinen Ort Gülpe, knapp 100 Kilometer von Berlin entfernt. Er wurde von italienischen Astronomen als dunkelster Orte Deutschlands identifiziert und von der ‚International Dark Sky
Association’ sogar unter die dunkelsten Orte der Welt aufgenommen. Kein Wunder, dass er inzwischen ein beliebtes Ziel für Astronomen und Hobby-Sterngucker ist.

Auch die Tier- und Pflanzenwelt entwickelt ein ganz eigenes Nachtleben. Diverse Kreaturen beginnen erst richtig, Aktivität zu entfalten, bei manchen Pflanzen wurden auch Schlafphänomene wie das Senken der Äste und Blätter etc. beobachtet. Die Welt bei Nacht ist eine andere als tagsüber. Manche Beobachtung freilich bleibt rätselhaft: Ein Schimpanse wurde dabei beobachtet, wie er fünfzehn Minuten lang einen Sonnenuntergang betrachtet, bevor er – ohne Abendessen – wieder im Wald verschwand. Was ihm dabei durch den Kopf ging, können wir nur erahnen.

Für manche Geschöpfe ist es auch immer Nacht: Im Untergrund lebende Tiere wie der Grottensalamander haben sich an ein Leben in völliger Finsternis angepasst und vollziehen im Laufe ihres Lebens eine erstaunliche Metamorphose: ihre im Larvenstadium entwickelten Augen bilden sich zurück.

In den 35 Kapiteln von „Wenn die Sonne untergeht“ bis „Wenn die Sonne aufgeht“ durchleben wir die Nacht mit allen Sinnen von den ersten Anzeichen der Dämmerung und der insbesondere bei Fotografen beliebten „blauen Stunde“ bis zum Anbruch des nächsten Tages, wenn die Morgenröte aufzieht und sich die ersten Vögel bemerkbar machen. Im Spanischen und Portugiesischen gibt es für diese Zeit sogar einen eigenen Namen: „madrugada“.

Wie in all seinen in zahlreiche Sprachen übersetzen Büchern erforscht Bernd Brunner das fruchtbare Grenzgebiet zwischen Geschichte, Mythologie, Biologie und Literatur und ermöglicht dadurch einen facettenreichen und umfassenden Blick auf das Phänomen ‚Nacht’ über Jahrtausende und Kulturen hinweg, von den antiken Nächten über die Erfindung künstlicher Beleuchtung bis zu modernen Nächten. Brunner lässt sich auf seinem Streifzug durch die nächtlichen Stunden immer wieder von zentralen Fragen leiten: Was ist das Wesen der Nacht? Wie wurde die Nacht im Laufe der Zeit wahrgenommen und welche Ideen haben sich mit ihr verbunden? Welche Auswirkungen haben die Ausbreitung künstlichen Lichts in immer entlegenere Regionen der Erde und die damit einhergehende Lichtverschmutzung?

Dabei bezieht er sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse, illustriert aber auch mit eigenen Beobachtungen und schöpft aus dem reichen Fundus der von ihm konsultierten Literatur; die zahlreich in den Text eingewobenen Zitate lassen Dichter und Denker aller Zeiten und Länder zu Wort kommen.

Auch als Buchobjekt ist Bernd Brunners „Buch der Nacht“ höchst ungewöhnlich; seine äußere Gestalt verdankt es einem eigens für das Manuskript ausgerufenen Wettbewerb am Studiengang „Buch- und Medienproduktion“ der HTWK Leipzig, aus dem das Grundkonzept des jetzigen Buches (von Pauline Schröers und Anne Blanke) als Sieger hervorging. Dieser wurde danach noch optimiert und verbessert – das Endergebnis ist ein in nachtblaues Leinen mit Glitzerpartikeln gehüllter Band, der das Buch funkeln lässt wie ein Sternenhimmel und der (soweit dem Verlag bekannt) als erstes Buch überhaupt auf graduell eingefärbten Seiten vom Anfang bis zum Ende einen Tag- und Nachtverlauf abbildet. Im „Buch der Nacht“ liest man sich gewissermaßen einmal durch die Nacht.

Bernd Brunner
Das Buch der Nacht

Verlag Galiani Berlin
192 Seiten, größeres Sonderformat, gebunden in nachtblaues Leinen mit sternsilbrigen Einschlüssen und Tiefprägung, graduell eingefärbte Seiten im Innenteil, durchgehend zweifarbig gedruckt
28 € (D) / 28,80 € (A)
ISBN 978-3-86971-230-7

Erschienen am 7. Oktober 2019

Über den Autor

Bernd Brunner, 1964 geboren, schreibt vielbeachtete, höchst unterhaltsame Bücher an der Schnittstelle von Kultur und Wissenschaftsgeschichte. Bei Galiani sind zuletzt „Die Kunst des Liegens“ (2012), „Ornithomania“ (2015) und „Als die Winter noch Winter waren“ (2016) und „Die Erfindung des Nordens“ (2019) erschienen. Seine Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. „Extreme North“, die amerikanische Ausgabe von „Die Erfindung des Nordens“ wird demnächst bei Norton erscheinen. Bernd Brunner lebt in Berlin und Istanbul.

www.berndbrunner.com

Termine

4. November |Hamburg, Lesung bei der Schweitzer Fachinformation, 19.30 Uhr

 

(Pressemitteilung von Verlag Galiani Berlin)

Liebe Grüße
Jana

4 Kommentare:

  1. Das klingt nach einer sehr interessanten Lektüre. LG Romy

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    1. Guten Morgen Romy, ja, das finde ich auch. Ich freue mich aufs Lesen. Ich wünsche Dir einen schönen Tag. Liebe Grüße Jana

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  2. Hi Jana, das Bucht spricht mich wirklich sehr an!

    VG
    Lara
    www.likethewayidoit.de

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    1. Guten Morgen Lara, ja, ich freue mich auch schon total. Ich wünsche Dir einen schönen Tag. Liebe Grüße Jana

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